Kooperation statt Konkurrenz

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Brutal ist wohl das passende Adjektiv für diese Art des Strukturwandels. In der Zeit zwischen 1995 und 2009 rutschte die Zahl der Webereien in Deutschland von 350 auf etwa 100 ab, sank die Zahl der Beschäftigten von etwa 30.000 auf 10.000, brach der kumulierte Umsatz von 3,5 auf 1,3 Milliarden Euro ein. Die Branche reduzierte sich auf ein Drittel ihrer einstigen Stärke – die Globalisierung hinterließ gerade im Textilsektor tiefe Spuren. Doch ist es in Nordostoberfanken gelungen, ein Textilzentrum zu erhalten, zu etablieren und in Teilen auch auszubauen, das in Europa einzigartig ist. 200 Betriebe, die allesamt mit textiler Herstellung zu tun haben, sind der harte Kern dieser  Kompetenzregion. Dazu kamen touristische Angebote im Zusammenhang mit Textil, enge Vernetzungen zu den Hochschulen Hof und Coburg sowie zur Universität Bayreuth, und auch Shoppingangebote. 
Dass die oberfränkische Textilwirtschaft trotz harter Einschnitte vital ist und optimistisch in die Zukunft blicken kann, hat vor allem drei Gründe: die Innovationsfähigkeit der Betriebe, ihre konsequente Qualitätsorientierung und – für viele Zuhörer der faszinierendste Faktor – ihre Fähigkeit zur Kooperation. Dieses Aufeinanderzugehen hat inzwischen beachtliche Tradition und begann Ende der 80er Jahre. „Standortanalysen haben gezeigt, dass in den kurzen Wegen, im persönlichen Austausch, im schnellen Informationsfluss und im gemeinsamen Aufbau von Know-How großes Potenzial steckt“, so Elke Purucker. Der Druck von außen kam hinzu – die goldenen Nachkriegsjahre waren für die Textilbranche längst vorbei, die Globalisierung schlug in vollem Maß durch. 
In Helmbrechts entstand 1989 ein Forumskreis, in Münchberg folgte ein Initiativkreis. Die Industrie- und Handelskammer für Oberfranken bündelte die Maßnahmen, aus der im Jahr 2000 der Initiativkreis Textil und vier Jahre danach das Textilforum Oberfranken entstand. Aktuell gehören diesem zwölf Firmen mit 1700 Mitarbeitern und 350 Millionen Euro Jahresumsatz an. „Das Besondere an diesem Netzwerk ist, dass es trotz vieler Aufs und Abs von Unternehmern aus unterschiedlichen Generationen und mit unterschiedlichen Sichtweisen getragen wird“, so Elke Purucker. „Es ist das Vertrauen, das die Beteiligten sich untereinander entgegenbringen und in die Region, die das Textilforum auszeichnet.“ 
Wohin Vertrauen im besten Fall führen kann, machte Unternehmer Klaus Zuleeg in seinem Referat deutlich. Nicht zuletzt unter seiner Regie und unter dem Dach des Netzwerks Textilforum ist ein zweites, noch enger geknüpftes Netz entstanden. Drei Unternehmen gründeten 1989 eine gemeinsame Textilservicegesellschaft, die sich auf die Aspekte Qualität, Logistik und Dienstleistung rund ums Textil konzentrierte. Ihr Erfolg legte einen Grundstein für weitere gemeinsame Projekte: Ein gemeinsames Unternehmen, das Uniformen und Dienstbekleidungen auf den Markt bringt und sich aktuell an der Umstellung der Polizeiuniformen von Grün auf Blau erfreut, folgte. „Fast schon automatisch“ wachsen Textilunternehmen mit Niveau in den Bereich der Sport- und Funktionsbekleidung hinein, der logische nächste Schritt war die Gründung eines Labels für technische Textilien, die etwa für Arbeits- und Schutzanzüge verarbeitet werden. 2009 entschieden sich die immer enger verbundenen Partner ihre bis dahin trotz Kooperation bestehende Konkurrenz auf dem Modemarkt zu beenden und dort mit einem gemeinsamen Auftritt zu bestehen. Das, so Zuleeg, macht finanzielle Ressourcen für sinnvollere Dinge frei. 
Mode und Dienstbekleidung, technische Textilien und textile Dienstleistung, Mobiltextilien und Heimtextilen – die Quality Group, die als strategisches Dach aus dieser Kooperation entstand und die den Anspruch der sie tragenden Unternehmen klarstellt, besetzt alle wesentlichen  und zukunftsträchtigen Geschäftsfelder. Und die Entwicklung schreitet fort: Während bis dato die Gründerunternehmen als Produktionsstätten der Quality Group fungieren und die Volumina nach Möglichkeit gerecht geteilt werden, denken die Qualitäts-Textiler jetzt weiter. Künftig sollen die Produktionsstätten auf die Art der zu produzierendes Textilen und damit auf spezifische Produktionsbedingungen ausgerichtet werden. 
Der Geschäftsführende Vorstand des Marketingclubs Oberfranken, Dietmar Rieß, brachte es in der Zusammenfassung der beiden Referate auf den Punkt: „Was Oberfranken schaffen, wenn sie zusammenstehen – das zeigt das Textilforum in ganz besonderer Weise.“

Datum: 26. April 2011